Vorurteil & Stolz

Letzten Monat hatte meine Schwester Geburtstag. Sie ist jetzt Ende 20, hat ihren Bachelor mit Einserschnitt abgeschlossen, steckt mitten im Master und wird voraussichtlich im Winter ein Forschungssemester in Australien einlegen. Auch ihre Promotion ist quasi beschlossen, nur der konkrete Zeitplan fehlt hier noch. Und auch wenn die Biologie – was Jobaussichten angeht – eher die Geisteswissenschaft unter den Naturwissenschaften ist, sieht es bislang so aus, als würden Networking, Qualifikationserwerb und entsprechende Vorausplanung dafür sorgen, dass sie nach den angestrebten Graden auch einen ausfüllenden Job finden wird.

Das alles ist nicht selbstverständlich. Insbesondere deshalb nicht, weil meine Schwester im Laufe ihrer Schullaufbahn eher zu den mittelguten Performern gehörte. Zwar schaffte sie den Realschulabschluss relativ solide, aber das Ganze war mit so viel Missmut und Arbeit verbunden, dass an ein Abi nicht wirklich zu denken war.

Als sie ca. 16 war, wirkte ihre Situation einigermaßen verfahren. Nachdem eine Absage für ihren Wunschausbildungsberuf kam, drängte das JobCenter auf verschiedene Maßnahmen. Der zuständige Sachbearbeiter schlug ihr – äußerst taktvoll (*hüstel*) – eine Ausbildung als Gebäudereinigerin vor, das habe eine sichere Zukunft. Ich glaube, zu dieser Zeit begann ihre Wandlung zur selbstbestimmten Erwachsenen. Sie war mir gegenüber meist immer noch trotzig und genervt, fing aber an, für ihre Sachen einzustehen. Sie machte ein unbezahltes Praktikum, stellte Kontakte her und auch, wenn ihr Wunschberuf eigentlich ein eher männlich dominierter Beruf war, stand sie im zweiten Anlauf das durchaus happige Bewerbungsverfahren durch.

Meine Mutter hatte meine Schwester bis dahin immer als „Praktikerin“ gesehen, aber plötzlich begann sie auch als Theoretikerin zu überzeugen. Vielleicht lag es daran, dass sie nun wusste, wofür sie lernte. Vielleicht am Alter, der Reife, dem Willen. Wahrscheinlich an allem ein bisschen. Jedenfalls legte sie in der Berufsschule plötzlich starke Leistungen hin. Ein paar Jahre später schloss sie die Ausbildung als Jahrgangsbeste ab und erhielt als einzige Person aus ihrem Jahrgang ein Vertragsangebot. Dass … sie ausschlug.

Ihr Umfeld – mich eingeschlossen – war ein wenig irritiert über diese Entscheidung. Irgendwann fanden wir beide die Zeit und führten ein halbstündiges Gespräch zu diesem Thema. Sie hielt mir einen Vortrag über Aufstiegschancen, ihre Langzeitperspektive, über Vergabepraktiken und ihre Zukunftsansprüche. Trotz meiner durchaus großen Skepsis zu Beginn des Gesprächs war ich anschließend überzeugt. Und erstaunt. Meine kleine Schwester hatte nach einer gefühlt ewig andauernden Teenagerzeit einen riesigen Sprung gemacht, der mir bis dahin nur teilweise klar geworden war. Sie dachte strategisch und langfristig, analysierte, leitete her, schloss daraus klare Schlüsse und argumentierte entsprechend.

Sie holte das Abi nach (mit dem Schnitt näher an der 1,0 als an der 2,0), erhielt einen Studienplatz im gewünschten Studienfach an der gewünschten Uni und der Rest steht in der Einleitung.

Ich bin stolz auf meine Schwester. Wegen all der offensichtlichen Sachen, aber auch, weil sie es wiederholt geschafft hat, meine eigenen Vorurteile über sie zu entkräften. Und zwar meistens ohne auch nur eine Auseinandersetzung (mit mir) dafür führen zu müssen, sondern indem sie einfach durch ihre Taten überzeugt hat.

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