Identität & Ursprung

Identität

Ich bin Sohn eines Deutschen und einer Deutschen (na ja, Fränkin), beide wiederum Kinder jeweils zweier Deutschen. Ich bin in Deutschland geboren und verheiratet mit einer in Deutschland geborenen Frau, die ebenfalls deutsche Eltern und Großeltern besitzt.

Ich bin in Deutschland zur Schule gegangen und habe sowohl mein deutsches Abitur als auch mein deutsches Diplom mit Einserschnitt abgeschlossen. Ich bin pünktlich, genau und gewissenhaft. Und ich beherrsche die deutsche Sprache nahezu einwandfrei – und damit wesentlich besser als viele Andere.

Ich bin nie verhaftet worden und meine schlimmste Ordnungswidrigkeit war eine Geschwindigkeitsübertretung von unter 20 km/h mit dem Auto. Abgesehen von einem Parkmanöverkratzer kurz nach Erwerb meines deutschen Führerscheins habe ich auch zudem mehrere zehntausend Kilometer auf deutschen Straßen und deutschen Autobahnen unfallfrei hinter mich gebracht.

Ich war jahrelang Mitglied einer demokratischen Partei und dort aktiv tätig. Ich habe sowohl an innerparteilicher als auch an gesellschaftlicher Willensbildung teilgenommen.

Ich habe drei Monate lang ALG2 bezogen und weitere neun Monate ein schlechtes Gehalt aufgestockt. Nun arbeite ich – ordentlich bezahlt sowie fest und unbefristet angestellt – in einem mittelständischen deutschen Unternehmen, geführt von den deutschen Gründern. Ich zahle Einkommensteuer und Sozialabgaben, Kranken- und Pflegeversicherung, Kapitalertragssteuern, Miete und Versicherungen. Ich konsumiere und lebe in Deutschland. In der Hauptstadt von Deutschland.

Ich besitze ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Ich bin Deutscher. Und ich fühle mich in meinen Eigenarten (oft genug auch typisch) deutsch.

Ursprung

Doch eines an mir ist nicht deutsch: mein Nachname. Ich spreche ihn zwar deutsch aus und auch meine Eltern tun das. Er ist weder schwer zu schreiben noch schwer auszusprechen oder zu verstehen. Dennoch erinnert er mich daran, dass – neben den vielen kleinen und großen Zufällen, die dafür gesorgt haben, dass ich heute diese Zeilen schreiben kann – die Hilfe der Preußen notwendig war, als vor gut drei Jahrhunderten die wegen ihrer Religion verfolgten Hugenotten in eben jenes Preußen flüchteten. Denn bis dorthin reicht mein Stammbaum von väterlicher Seite.

Es ist fast schon erschreckend, wie zeitlos sich die entsprechenden Wikipedia-Einträge zum Umgang mit den Hugenotten in dem Lebensraum lesen, der auch heute noch meine Geburts- und Wahlheimat darstellt:

[Die Hungenotten] brachten nur geringe Eigenmittel mit, waren also zunächst auf Hilfe angewiesen. […]

Das Wohlwollen des Hofes, des Adels und der meisten Intellektuellen war den Neubürgern sicher. […] Dagegen stand die einfache Berliner Bevölkerung den Franzosen größtenteils ablehnend gegenüber. Deren Aussehen war ungewohnt, ihre Sprache unverständlich, die Religionsausübung fremd. […] Wichtiger noch: Man glaubte die eigene berufliche Existenz in Gefahr und neidete den Zugereisten ihre Privilegien. So wurden ihnen vielfach Hindernisse in den Weg gelegt. Die Zünfte verweigerten die ungehinderte Aufnahme der Fremden, es gab Fälle von Brandstiftungen und zerbrochenen Fenstern durch Steinwürfe. Auch die allgemeine Schutzzusage des Kurfürsten bot keinen sicheren Schutz vor Belästigungen dieser Art. […]

Die Hugenotten in Berlin und Brandenburg waren nicht als homogene Gruppe eingereist. Gemeinsam hatten sie zwar ihre Religion, das Schicksal als Flüchtlinge und ihre Sprache. Sie stammten aber aus sehr unterschiedlich geprägten Regionen […]. Kaum jemand beherrschte die deutsche Sprache, enge Kontakte zu den deutschen Nachbarn waren selten […].

Streicht man die konkreten Gruppen und Begriffe des späten siebzehnten Jahrhunderts – man könnte es so auch heute in Zeitungen lesen. Doch was lehrt uns diese Geschichte unter diesen nicht gerade verheißenden Voraussetzungen?

Akkulturation ist der Begriff, der in der Literatur für den weiteren Verbleib der Hugenotten am häufigsten verwendet wird. Er bedeutet: Hineinwachsen in eine kulturelle Umwelt, einen Wandel als Folge von kulturellen Kontakten. […]

In ihren Sitten und Gebräuchen passten sie sich allmählich ihrer neuen Umgebung an, hielten aber relativ lange an ihrer Heimatsprache fest – neben der Religion das wichtigste Element ihrer Gruppenidentität. […] Handwerker, Kaufleute, Tagelöhner und Dienstpersonal aber mussten Deutsch lernen, um im Berufsalltag mithalten zu können; nach einer Übergangszeit ging dann in diesen Sozialschichten die Sprache der Vorfahren verloren. […] In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte sich das Verhältnis nahezu umgekehrt: zu 70 % heirateten Angehörige der französischen Kolonie deutsche Partner. Die eingesessenen Berliner gaben ihre Ablehnung auf – man erkannte an, dass die Neuen weit mehr Vor- als Nachteile mit sich brachten und fand zudem Geschmack an zuvor unbekannten oder wenig verbreiteten Produkten wie Weißbier, Spargel und feineren Salaten. Die ersten, viel besuchten öffentlichen Gartenlokale wurden um 1750 in der Nähe des Brandenburger Tores durch Réfugiés eröffnet.

Ich bin, wenn man so will, Flüchtlingskind in ca. zwölfter Generation.

Aber ungeachtet dieser Tatsache, die letztlich noch nie wirklich Bestandteil meiner heutigen Lebenswirklichkeit war, hoffe ich – als Deutscher! –, dass wir auch diesmal mit denjenigen Kontakte knüpfen, die etwas anders aussehen, anders reden und von deren Religion wir wenig verstehen.

Denn ich bin davon überzeugt, dass – damals wie heute – am Ende beide Seiten davon profitieren werden und wir am Ende alle gemeinsam Deutsche sein können. Viele von uns, die sich heute als Deutsche verstehen, haben Vorfahren, die aus anderen Ecken der Welt kamen. Die sich Anfeindungen und Übergriffe gefallen lassen mussten. Die schräg angeschaut wurden und über die man mit Nachbarn und Freunden gelästert hat.

Viele von uns wären heute nicht hier, wenn man diese Menschen damals zurückgeschickt, allein gelassen oder schlicht getötet hätte. Oder wenn sie bei einem Brandanschlag ums Leben gekommen wären. Man hätte das Land um viele gute Deutsche gebracht. Nur halt ein paar Jahre später.

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